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Verantwortung und Führung in unsicheren Zeiten: Wenn das Seil reißt, zeigt sich der wahre Charakter

In unsicheren Zeiten musst du Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie richtig sind.

Ich hing 200 Meter über dem Boden, als ich zum ersten Mal wirklich verstanden habe, was Verantwortung bedeutet. Es war kein Seil gerissen, aber die Situation hatte sich verändert. Windböen, ein technisches Problem, ein unerfahrener Kollege in der Crew. Plötzlich war nichts mehr so, wie wir es geplant hatten. Und in diesem Moment wurde mir klar: Verantwortung beginnt nicht dann, wenn alles nach Plan läuft. Sie zeigt sich, wenn der Plan nicht mehr existiert.

Als Industriekletterer und Höhenretter habe ich Jahrzehnte in Extremsituationen verbracht, in Höhen, in denen ein Fehler keine zweite Chance bedeutet. 

Die besten Führungskräfte sind nicht diejenigen, die in Sicherheit glänzen. Es sind diejenigen, die in unsicheren Zeiten Halt geben.

Unsicherheit ist die neue Normalität

Wir leben in einer Zeit, in der Unsicherheit zur Konstanten geworden ist. Märkte verändern sich über Nacht. Technologien revolutionieren Branchen. Krisen, ob wirtschaftlich, gesundheitlich oder geopolitisch reißen uns aus der Komfortzone. Und mittendrin stehen Führungskräfte. Mit Teams, die Orientierung suchen. Mit Entscheidungen, die getroffen werden müssen, obwohl niemand die Zukunft kennt. Mit Verantwortung, die nicht delegierbar ist.

Die Versuchung ist groß, in solchen Momenten nach Sicherheit zu suchen, nach Garantien, nach Blaupausen, nach dem einen richtigen Weg. Aber ich sage Ihnen aus Erfahrung: Den einen richtigen Weg gibt es nicht. Was es gibt, ist Haltung.

Verantwortung ist keine Position – sie ist eine Entscheidung

Als ich meine erste Höhenrettung durchführte, gab es kein Handbuch. Keine Checkliste, die genau diese Situation abdeckte. Nur ein Team, das auf mich schaute. Und eine Entscheidung, die getroffen werden musste.

Verantwortung zu übernehmen, bedeutet nicht, alle Antworten zu haben. Es bedeutet, trotz Unsicherheit zu handeln und dann für diese Handlung einzustehen.

Das sehe ich in Unternehmen immer wieder: Führungskräfte, die sich hinter Strukturen verstecken. Die Entscheidungen aufschieben, weil sie auf mehr Informationen warten. Die delegieren, um sich selbst zu schützen. Doch Verantwortung lässt sich nicht weg delegieren. Und hier liegt die entscheidende Frage: Trägst du sie als Last oder als Kraft?

Drei Säulen der Führung in unsicheren Zeiten

1. Klarheit schaffen 

In unsicheren Zeiten suchen Menschen nach Orientierung. Sie brauchen keine perfekte Lösung, sie brauchen Richtung. Als Industriekletterer habe ich gelernt: Wenn der Nebel kommt und die Sicht auf null sinkt, ist es tödlich, einfach stehenzubleiben. Du musst einen nächsten Schritt definieren, auch wenn du nicht weißt, was in 20 Metern kommt. Führung bedeutet: Einen Kurs setzen. Kommunizieren, warum dieser Kurs Sinn macht. Und transparent sein, wenn sich der Kurs ändern muss.Das bedeutet nicht, Unsicherheit zu verschweigen. Im Gegenteil: Die besten Führungskräfte kommunizieren Unsicherheit, aber sie kommunizieren sie mit Haltung. Sie sagen nicht: „Ich weiß nicht weiter." Sie sagen: „Wir wissen noch nicht alles, aber wir gehen diesen Schritt, und dann sehen wir weiter."

2. Vertrauen aufbauen 

Hier kommt etwas, das viele Führungskräfte überrascht: Vertrauen entsteht nicht durch Stärke, sondern durch Ehrlichkeit. Ich erinnere mich an einen Moment, in dem ich vor meinem Team stand und zugeben musste: „Ich habe einen Fehler gemacht. Wir müssen umdisponieren." Das kostete mich Überwindung. Aber wissen Sie, was passierte? Das Team rückte näher zusammen. Weil sie merkten: Hier steht kein Superheld. Hier steht jemand, der Verantwortung trägt und das auch für Fehler. Menschen folgen keinen perfekten Führungskräften. Sie folgen echten Führungskräften. Solchen, die verletzlich genug sind, um zuzugeben, dass sie nicht alles wissen. Und stark genug, um trotzdem voranzugehen. Vertrauen ist das Seil, an dem Teams in Unsicherheit hängen. Und dieses Seil wird nicht durch Perfektion geknüpft, sondern durch Authentizität, Transparenz und Wertschätzung.

3. Entscheidungen treffen 

Das ist vielleicht die schwerste Lektion: In Unsicherheit musst du Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie richtig sind. Ich habe in Höhen gehangen, in denen eine falsche Entscheidung mein Leben gekostet hätte. Ich habe als Unternehmer Entscheidungen getroffen, die das Schicksal von 50 Familien beeinflussten. Und wissen Sie, was ich dabei gelernt habe? Keine Entscheidung zu treffen ist die schlechteste Entscheidung. Führungskräfte, die in Unsicherheit erstarren, riskieren mehr als diejenigen, die handeln. Weil Stillstand in bewegten Zeiten bedeutet: zurückfallen. Die Kunst ist nicht, immer richtig zu entscheiden. Die Kunst ist, zu entscheiden, zu justieren und weiterzugehen.

Wenn das Seil reißt: Führung in der Krise

Krisen sind der ultimative Test für Führung. Sie zeigen, was wirklich in dir steckt. Und sie zeigen, ob du Verantwortung als Titel trägst oder als Haltung. Ich habe Führungskräfte erlebt, die in Krisen wie Felsen in der Brandung standen. Nicht weil sie alles wussten. Sondern weil sie präsent waren. Weil sie zuhörten. Weil sie Entscheidungen trafen und für ihre Teams einstanden. Und ich habe Führungskräfte erlebt, die in Krisen verschwanden, hinter Meetings, hinter Hierarchien, hinter Ausreden. Die Frage ist nicht: Bist du eine perfekte Führungskraft? Die Frage ist: Bist du eine, der man folgen will, wenn es hart wird?

Mut ist keine Abwesenheit von Angst – Mut ist Handeln trotz Angst

Lassen Sie mich ehrlich sein: Ich hatte Angst. In 300 Metern Höhe. Bei Entscheidungen, die das Unternehmen betrafen. Bei Vorträgen, bei denen Tausende auf mich schauten. Aber ich habe gelernt: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Angst zu handeln. Und genau das ist Führung in Unsicherheit. Du hast keine Garantien. Du hast keine perfekte Lösung. Aber du hast Verantwortung. Und du hast die Wahl, sie anzunehmen. Verantwortung ist keine Last, die man Ihnen aufbürdet. Es ist eine Kraft, die in Ihnen liegt. In Unsicherheit zu führen bedeutet nicht, alles zu wissen. Es bedeutet:

Klarheit zu schaffen, wo Chaos herrscht.
Vertrauen zu geben, wo Zweifel sind.
Zu handeln, wo andere erstarren.

Die Welt braucht keine Superhelden. Sie braucht Menschen mit Haltung. Mit Mut. Mit Verantwortung.

Manuel Marburger ist Keynote Speaker, ehemaliger Industriekletterer und Höhenretter sowie Gründer mehrerer Unternehmen. Er zählt zu den Top 100 Speakern Deutschlands und inspiriert Führungskräfte weltweit mit seinen Vorträgen zu Verantwortung, Mut und Leadership in Extremsituationen. Jetzt Keynote buchen zu Leadership in unsicheren Zeiten!

 

Von Manuel Marburger – Keynote Speaker für Leadership und Wertschätzung

 

 

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